Wirkung von EMDR sogar bei Mäusen im Versuch belegt

Der Wirkungsmechanismus der Therapieform EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wurde innerhalb eines Mausmodells der Angstkonditionierung dargestellt. Ziel ist die Behandlung der posttraumatischen Belastungsreaktion (PTBS) durch das Verlernen der Angst mittels alternierender bilateraler Stimulation, das heißt abwechselnde und beidseitige Stimulation.

Diese Therapieform arbeitet mit dem sogenannten Extinktionslernen („Löschung“). Hierbei wird eine neue (angst-)hemmende Reaktion erlernt, durch welche die gelernte Angstreaktion unterdrückt werden soll. Basierend auf den Annahmen der EMDR, dass eine abwechselnde Stimulation verschiedener Reize (hin und her bewegen der Augen, abwechselnde Berührungen, Lichter oder auch Töne) bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen hilfreich ist, wurde dies in einem Experiment mit Mäusen untersucht. Diesem geht das bekannte Tiermodell der klassischen Konditionierung von Iwan Pawlow voran. Südkoreanische Neurowissenschaftler konstruierten einen speziellen Käfig, in welchem Mäusen zunächst über den Boden des Käfigs ein schmerzhafter, elektrischer Reiz (unkonditionierter Reiz) zugefügt wurde. Gleichzeitig ertönte über einen Lautsprecher ein akustischer Reiz (konditionierter Reiz), sodass die beiden Reize von den Mäusen miteinander assoziiert wurden. Nach der erfolgreichen Konditionierung führte allein der akustische Reiz bei den Mäusen zu der gleichen Reaktion wie der schmerzhafte elektrische Reize- nämlich zum Verfallen in eine Schockstarre. Die Forscher stellten sich nun die Frage, ob ein bewegtes Licht zu einem besseren Verlernen der Angstreaktion beim Ertönen des akustischen Reizes führt bzw. dem Erlernen der neuen Reaktion keine Angst zu haben.

Für die Anwendung von EMDR bei Mäusen sitzt das Tier in einem zylindrischen Käfig, welcher rundherum von LEDs umgeben ist. Bei erneuter Darbietung des akustischen Reizes wird nun gleichzeitig durch die hin- und her Bewegung des Lichtes, auch die Aufmerksamkeit des Tieres hin und her gelenkt, wodurch die Angstreaktion verringert werden soll. Tatsächlich nimmt die Angstreaktion bei den Mäusen schneller ab und erreicht ein geringeres Niveau unter der Bedingung „Extinktion bei gleichzeitiger EMDR“ als unter alleiniger „Extinktion“. Um zu überprüfen, ob ein Zusammenhang zwischen der bewegten Stimulation sowie der Gleichzeitigkeit der Stimulation mit dem Ton besteht, wurden drei Kontrollbedingungen (LEDs leuchten ununterbrochen, LEDs blinken oder LEDs wandern hin und her) verwendet. Dabei konnte gezeigt werden, dass die bewegten LEDs mit gleichzeitiger Darbietung des Tones den Effekt der verringerten Angstreaktion hervorbringen. EMDR lässt sich also auch bei Mäusen durchführen und hat einen wesentlich stärkeren Effekt als die Anwendung von Extinktion allein. Das heißt, „EMDR“ hilft Mäusen signifikant besser Angst zu verlernen als nur verhaltenstherapeutische Interventionen.

Doch welche anatomischen Mechanismen liegen der Effektivität von EMDR zugrunde? Seit den 1970er Jahren wird der Colliculus superior, eine der am besten untersuchten Strukturen des Mittelhirns, mit Augenbewegungen und der Fokussierung auf ein Objekt in Verbindung gebracht. Man untersuchte die in den tiefer liegenden Schichten des Colliculus superior angesiedelten Mechanismen, welche durch EMDR zu einer beschleunigte Verminderung der Angstreaktion führen. Dabei konnten Studien im Rahmen eines weiteren Mausexperiments, erneut mit den verwendeten Stimuli- Ton und Licht, feststellen, dass durch die hin- und her Bewegung des visuellen Reizes die meisten Neuronen aktiviert wurden und dadurch die Angstreaktion schneller verringert werden konnte. Bei der Bedingung „Extinktion plus EMDR“ wurden 63,3% der Neuronen aktiviert, verglichen mit der Bedingung „Extinktion“ nur 33,7%. Die Forschenden leiteten daraus die Wirkung von EMDR durch eine verstärkte Aktivierung des Colliculus superior ab.

Hier der Link zum Originalartikel: Spitzer M. Nervenheilkunde 2019; 38: 231–239

Zur EMDR-Behandlung

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